Zwei Bücher, ein Thema: Johannes Paul II.

Buchdeckel von „Johannes Paul II.“
Buchdeckel von „Johannes Paul II.“ (Foto: fe-Medienverlag)

Sowohl der bekannte Journalist Paul Badde als auch der Verlag C.H.Beck haben je ein Buch veröffentlicht, das sich mit dem vor 15 Jahren verstorbenen polnischen Papst befasst.

Kißlegg / München (kathecho.de) – Bei einem Buch über den vor 15 Jahren verstorbenen Papst Johannes Paul II. liegt es nahe, dass es auch einen ebensolchen Titel trägt. Tatsächlich wurden gleich zwei Bücher mit dem Titel „Johannes Paul II.“ in diesem Jahr veröffentlicht – eines vom bekannten Vatikanexperten Paul Badde, ein anderes von Matthias Drobinski und Thomas Urban. Als Romkorrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ konnte Badde den inzwischen heiliggesprochenen Papst in seinen letzten Jahren aus nächster Nähe betrachten und wurde so besonders zum Zeuge seines Leidens. Sein Buch versammelt jene Texte, die Badde von 2000 bis 2005 für seine Zeitung über den Heiligen Vater verfasst hat. Drobinski und Urban legen hingegen eine klassische Biografie vor, die auf weniger als 350 Seiten naturgemäß nur überblicksartig einen Blick auf die kirchen- und weltpolitisch bedeutende Gestalt des polnischen Papstes wirft.

Anders als Drobinski und Urban wird Badde immer wieder ganz persönlich. Deutlich wird dies etwa am Tag nach dem Tod des Papstes, wenn Badde seine Erlebnisse auf dem Petersplatz beschreibt, wo seine letzte Botschaft an die Gläubigen verlesen wurde: „Doch nicht wegen dieses ‚Testaments‘ gehen mir schließlich die Nerven durch oder wegen des offenen Fensters in der Höhe, sondern wegen einem schlanken goldenen Barockstuhl, der nun erstmals seit Jahren wieder vorne vor den Altar gestellt wurde und unter dem Himmel in der Sonne glänzt, leer. Und erstmals seit Jahren wird nun auch kein schwerer Rollstuhl mehr nach vorne unter das Kreuz geschoben. Endlich hat Johannes Paul II. diesen Rollstuhl nicht mehr nötig. Er ist frei geworden. Eine Taube flattert oben über seinem Zimmer, als mir die Brille beschlägt und ich mir immer wieder von Neuem die Nase wische und putze, bis ich endlich Rotz und Wasser heule.“

Paul Badde porträtiert in seinen Texten, die vom fe-Medienverlag herausgeben wurden, einen leidenden und damit zutiefst menschlichen Papst – gerade weil er sein Leben auf Gott ausgerichtet hat. Wie das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes betonte, ist der Mensch gerade dann ganz Mensch, wenn sein Ziel der Himmel ist: „Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung.“

Drobinski und Urban sind betont neutral, was sich – von einigen Ausnahmen abgesehen – durch das ganze Buch zieht. Unbekanntes, stellenweise auch Heroisches, dürfte vielen Lesern gerade aus der Kindheit und Jugend des späteren Papstes vor Augen geführt werden. So habe sich Karol Wojtyła nie dem bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg angeschlossen: „‚Die Vorsehung lenkt unser Schicksal‘, erklärte er. Das Gebet sei die einzige wirkungsvolle Waffe. Er wolle lieber seinen Beitrag zum ‚kulturellen Widerstand‘ leisten, sagte er seinen Kameraden, die sich den ‚Menschen aus dem Wald‘ anschlossen, wie die Partisanen genannt wurden, die Anschläge auf die Besatzer verübten. Es gelte, die jetzige junge Generation auf die Zeit nach dem Krieg vorzubereiten.“

Als Papst habe er für mehr Veränderung gesorgt, als er selbst vielleicht wahrnahm, argumentieren die Autoren: „Zumindest bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil trat im Selbstverständnis der Päpste die Persönlichkeit hinter dem Amt zurück; fast noch wie im mittelalterlichen Verständnis von den zwei Körpern des Königs, wonach es einen Amtskörper gibt, der unabhängig vom realen Körper des Amtsinhabers existiert. Die Präsenz und Wirkung über die Persönlichkeit spielte in der Amtsführung der Pius-Päpste keine Rolle, und wenn, dann stilisierte Pius XII. mit seinem aristokratischen Auftreten die Distanz zum Leben der normalen Sterblichen. […] Johannes Paul II. vereinte nun die Wirkung und Sendung des Amtes mit dem Charisma und dem Selbstbewusstsein seiner Persönlichkeit, den religiösen mit dem Starkult. Kein Papst zuvor war derart präsent im Alltag von Milliarden Menschen. Das gab ihm in einer Zeit, in der die Macht von Institutionen und ihren Vertretern zu schwinden begann, eine außergewöhnliche Machtfülle.“ Diese „Vereinigung von Amtscharisma und persönlichem Charisma“ habe für eine Überhöhung und Mystifizierung des Papstamtes gesorgt, „gesteigert am Ende noch durch den symbolgeladenen Leidensweg der Krankheit und des Sterbens“.

Während Drobiniski und Urban routiniert von den wichtigsten Leistungen des Papstes erzählen, ist die abschließende Wertung in ihrem Nachwort nicht immer korrekt. Es ist sicherlich falsch zu behaupten, „der Zentralismus in der katholischen Kirche“ sei ebenso gewachsen wie „der Unwille, Ungleichzeitigkeiten auszuhalten, die es in einer Weltkirche mit mehr als einer Milliarde Gläubigen unweigerlich geben muss“. Nur wenige Theologen, die sich gegen die überlieferte katholische Lehre wandten, wurden vom Vatikan und Papst Johannes Paul II. gemaßregelt. Der damalige Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Walter Kasper, hatte sich für die Möglichkeit eingesetzt, dass zivil wiederverheiratete Menschen die heilige Kommunion empfangen dürfen. Zwar wurde dies von der Glaubenskongregation sofort zurückgewiesen, doch wurde Kasper 2001 von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal kreiert.

Auch die Wertung, die Kirche habe unter dem polnischen Papst, „was die Sexualität betrifft, ein kasuistisches Regelwerk geheiligt, das sie sprachunfähig in diesem Bereich gemacht hat“, kann man nicht gelten lassen. Mit seiner „Theologie des Leibes“ hat er nämlich genau das vorgelegt, was man als Überwindung eines kasuistischen Regelwerks bezeichnen könnte. Ohnehin ist die Rede von einem kasuistischen Regelwerk in vielerlei Hinsicht eine Karikatur der Situation vor Johannes Paul II. Die beiden Autoren würdigen besonders – was wiederum angemessen ist – den weltpolitischen Einfluss des Papstes, der zur Auflösung des Kommunismus führte, wobei er sich auch gegen einen ungezügelten Kapitalismus ausgesprochen habe. Und sie stellen fest, dass der aufrichtige Glaube „fremd und eigentümlich […], so ärgerlich wie bewundernswert“ in die Welt „der vorläufigen Bekenntnisse und des ironischen Verhältnisses zu den Wahrheitsfragen“ hineinrage. Diesem Fazit müssen wohl auch die größten Kritiker des Papstes zustimmen, egal von welcher Seite sie kommen.

Bibliografische Informationen:

Badde, Paul
Johannes Paul II.
fe-Medienverlag
208 Seiten
ISBN: 978-3-86357-264-8
14,80 Euro

Drobinski, Matthias / Urban, Thomas
Johannes Paul II.
Der Papst, der aus dem Osten kam
C.H.Beck
336 Seiten
ISBN: 978-3-406-74936-0
24,95 Euro


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