Bischof von Hildesheim kritisiert die Kirche dafür, Antworten zu haben

Bischof Heiner Wilmer
Bischof Heiner Wilmer (Foto: © Schulze / bph)

Hinsichtlich Zölibat und Priestertum der Frau zeigte Bischof Heiner Wilmer sich offen für „die Überraschungen des Heiligen Geistes, der manchmal wie ein Blitz aus dem Himmel daherkommt“.

Düsseldorf / Hildesheim (kathecho.de) – Bischof Heiner Wilmer SCJ von Hildesheim hat die katholische Kirche dafür kritisiert, die Antworten auf existenzielle Fragen des Lebens zu haben. In einem gestern Abend von der Rheinischen Post veröffentlichten Interview sagte der 59-jährige Bischof: „Die Sprache ist der Schlüssel, um überhaupt zu den Menschen zu gelangen. Wir müssen so auf die Menschen zugehen, dass sie uns ihre echten Fragen anvertrauen. Und echte Fragen sind in der Regel Fragen, auf die wir zunächst keine Antworten haben. Das sind keine „Lehrer-Fragen“, sondern Fragen, die uns auch sprachlos machen. Wenn wir immer schon die Antworten parat haben, bin ich skeptisch.“ Wilmer zufolge müsse die Kirche näher „bei den Erfahrungen der Menschen“ sein.

Papst Pius X. hatte die Überbetonung der menschlichen Erfahrungen im Glaubensleben in seiner Enzyklika Pascendi Dominici gregis von 1907 ausdrücklich verurteilt. Der Heilige Vater beschrieb die Position des Modernismus: „In dem religiösen Gefühl muss man eine Art unmittelbare Ergriffenheit des Herzens anerkennen; durch sie kommt der Mensch unmittelbar zur Realität Gottes und schöpft daraus eine so feste Überzeugung von der Existenz und inner- wie außermenschlichen Wirksamkeit Gottes, dass sie alle wissenschaftliche Überzeugung weit übertrifft.“ Wenig später stellte er fest: „Wie weit sind wir hier von katholischen Anschauungen entfernt!“

Die Rekordzahlen bei den Kirchenaustritten im Jahr 2019 – laut der Deutschen Bischofskonferenz kehrten mehr als eine Viertelmillion Menschen der Kirche den Rücken – seien immer noch „auch eine Folge des Missbrauchsskandals“ von 2010, sagte Wilmer. Zudem habe in der freien Gesellschaft „die Zahl der Sinnangebote“ zugenommen, wodurch die Kirche von Konkurrenten um die menschliche Seele verdrängt werde. „Auf die Frage der Menschen, was habe ich überhaupt vom Evangelium, brauchen wir eine Antwort,“ so der Bischof. Christus sei zuerst ein Heiler und dann ein Lehrer gewesen. „Wir belehren die Menschen mehr, als dass wir ihnen zur Seite springen. Unser Auftrag ist es, bei den Menschen zu sein und dafür zu sorgen, dass die zunehmende Kälte in unserer Gesellschaft sich wieder in Wärme verwandelt.“

Wilmer erteilte Fragen nach dem Priestertum der Frau und dem Zölibat keine Absage und verwies stattdessen auf „die Überraschungen des Heiligen Geistes, der manchmal wie ein Blitz aus dem Himmel daherkommt“. Seiner Meinung nach müsse man „alle Fragen stellen“. Laut Wilmer könne es nicht sein, „dass es Tabus gibt. Ich bin für eine offene Diskussion und vertraue persönlich auf den Heiligen Geist.“ Zur Priesterausbildung sagte er: „Die Ausbildung muss besser verankert werden im Erfahrungshorizont der Menschen, dass sie also nicht abgehoben und abgeschottet läuft. Sie muss von Anfang an etwa mit Gemeindemitarbeitern vernetzt sein.“ Auch Arbeiterpriester, die hauptberuflich einer gewöhnlichen Tätigkeit nachgehen und nebenberuflich als Priester wirken, könne er sich vorstellen.

Arbeiterpriester waren 1959 unter Papst Johannes XXIII. erneut verurteilt worden. „Der Heilige Stuhl ist der Meinung, daß es zum Apostolat im Arbeitermilieu nicht unerlässlich ist, Priester als Arbeiter in das Arbeitermilieu zu schicken, und daß es nicht möglich ist, die überlieferte Auffassung vom Priestertum zu diesem Zweck zu opfern […],“ hieß es in einem vatikanischen Dokument. „Der Priester wird wesentlich zur Ausübung sakraler Funktionen geweiht: um Gott das heilige Meßopfer und das öffentliche Gebet der Kirche darzubringen, um den Gläubigen die Sakramente zu spenden und das Wort Gottes zu verkünden. […] Dieses Zeugnis legt er vor allem durch das Wort ab und nicht durch die manuelle Arbeit unter Fabrikarbeitern, als ob er einer der Ihren wäre. Außerdem ist der Heilige Stuhl der Meinung, daß die Arbeit in der Fabrik oder auf dem Bau mit dem priesterlichen Leben und seinen Verpflichtungen unvereinbar ist. An den Arbeitstagen würde es dem Priester tatsächlich fast unmöglich sein, alle Gebetspflichten zu erfüllen, die die Kirche ihm für jeden Tag auferlegt: Feier der heiligen Messe, vollständiges Breviergebet, Betrachtung, Besuch des Allerheiligsten und Rosenkranz.“

Obwohl Wilmer das Kirchensteuersystem in Deutschland lobte, weil es der Kirche erlaube, „ihren Auftrag für die Menschen und die Gesellschaft in einer guten Weise wahrzunehmen“, sprach er sich letztlich doch für das italienische System aus. Dort müssen alle Einwohner eine kleinen Betrag ihres Einkommens abgeben, können den Empfänger – ob Kirche oder andere Religionsgemeinschaft, sozialer Zweck oder Staat – jedoch selbst bestimmen. „Ich persönlich halte das System auch für gerechter, weil mit der Kirchensteuer bei uns Einrichtungen bezahlt werden, die allen nutzen – wie Kitas, Beratungsstellen und Krankenhäuser“, sagte Bischof Heiner Wilmer. „Das ist ein enormer Dienst an der Gesellschaft, an dem sich alle beteiligen sollten.“


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